Erst im Dezember erhielt das „Haus der Barmherzigkeit “als erster Gesundheitsbetrieb Österreichs ein TÜV-Zertifikat für den Brandschutz. In der Hotellerie breschte im März 2011 das steirische Seminarhotel Retter vor. Wie in Wien wurde auch bei Retter die neue Zertifizierung gemeinsam von RiskExperts, dem Brandschutzexperten NORIS und TÜV Austria entwickelt. (Foto: © Richard Tanzer) Gerhard Fuhry von der Wiener FG Brandschutz und Facilitymanagement: „Oft läuft der Brandschutz mit. Als Spezialist konzentrieren wir uns hingegen voll auf diesen Milliarden-Markt.“ (Foto: © beigestellt) Quelle: BMI/Dr. Otto Widetschek
April 2012

Wirtschaftsfaktor Brandschutz

Brandschutz gilt als notwendiges Übel – teuer, komplex und ungeliebt. Aber immer mehr Facility-Dienstleister ebnen via Outsourcing den sperrigen Weg. Neben den Kunden profitieren auch Industrie, Zertifizierer oder Risk-Manager.

Das Thema Brandschutz ist ein sperriges. Entsprechend wenig Niederschlag findet es in der medialen Berichterstattung. Wundern muss man sich darüber nicht. Für Massenmedien dürften selbst Stories über Synchronschwimmer oder Bienenzüchter noch mehr Sex haben als eine Reportage über Brandschutz. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Breit berichtet wird dann, wenn alle Sicherheitsvorkehrungen versagen und der Katastrophenfall eintritt. Das spektakuläre Unglück in Kaprun etwa beschäftigte Medien und Gerichte rund ein Jahrzehnt lang. Aber wer erinnert sich noch an Leykam, die gleich zweimal von Bränden heimgesucht worden sind? Oder Lyozell, Quelle Linz, die Neusiedler Papierfabrik oder die Plansee-Werke in Steyr?
Dabei treiben vor allem die Brandschäden in der Industrie die Kosten in die Höhe. Zwar ereignen sich mehr als 50 Prozent der jährlich insgesamt rund 30.000 Brände im Privatbereich, gefolgt von Landwirtschaft und Gewerbe. Mit mehr als 50 Prozent der gesamten Schadenssumme entfällt der Löwenanteil freilich auf größere Industrie- und Gewerbebetriebe. Brandschäden verursachen dort im langjährigen Durchschnitt einen Schaden von rund 90 Millionen Euro (siehe Kasten). Die Zahlen bilden jedoch nur einen langjährigen Durchschnitt ab. Zieht man die Langzeit-Statistiken von Schutzhaus und Statistik Austria in Betracht, steigen die Kosten für Brandschäden seit den 1960er Jahren kontinuierlich an.
Bitter ist ein Brand vor allem für die betroffenen Firmen. Laut Strabag Property and Facility Services ist der Konkurs für 71 Prozent der Unternehmen dann vorprogrammiert. Die wesentlichen Brandursachen lassen sich schnell ausmachen. Laut Otto Widetschek – der steirische Physiker und ehemalige Grazer Branddirektor gilt als „Brandschutzprofessor“ Österreichs – ist menschliches Versagen zu rund 95 Prozent die Hauptursache für Schäden und Katastrophen, lediglich fünf Prozent gehen auf das Konto „technisches Versagen“. Ein Grund dafür dürfte wohl die strenge Gesetzgebung für technischen Brandschutz sein. Von Aufstellflächen für hohe Häuser über die Breite von Zusatzwegen bis zu Sicherheitsliften, automatischen Löschanlagen oder Warnsystemen ist alles bis ins Detail geregelt.
Das klingt kompliziert – und ist es auch. Aber für Baufirmen wie Strabag oder Porr ist dies das tägliche Brot. Tägliches Brot ist aber auch Kostendruck. „Gespart wird, wo es geht“, berichtet etwa ein Installateur, der lieber anonym bleiben möchte. In Neubauten gäbe es etwa nur mehr klitzekleine, dafür aber stahlhart verbaute Revisionsöffnungen, in die sich seine Mitarbeiter förmlich hinein zwängen müssen.

Paragraphen sorgen für Ärger – und Chancen
Die Facility-Branche kämpft in Sachen Brandschutz jedenfalls mit einer wahren Gesetzesflut. Die Regeln für Brandschutz- oder Sicherheitsbeauftragte sind kaum mehr zu überblicken. Dutzende von EU-, Bundes- und Ländergesetzen werden von Verordnungen, Bescheiden, Normen wie ÖNORMEN, TRVB oder ÖBVF-Richtlinien flankiert. Hinzu kommen noch „spezielle“ Gesetze etwa für Kinos, Hotellerie oder Kindergärten oder Kehrverordnungen und Ölfeuerungs- und Feuerwehrgesetze. Natürlich vieles davon über EU, Bundes- und Ländergrenzen hinweg noch einmal mutiert. Experten nennen dieses Dickicht dann wohlwollend „Querschnittsmaterie“. Brandschutzprofessor Widetschek hat dazu eine eigene – pointierte – Meinung: „Alles wird ständig verkompliziert. Das ist auch ein Versagen der Politik.“ Gerüchte, dass neue, für das Facility-Geschäft bedeutsame Änderungen ins Haus stehen, kann Widetschek nicht bestätigen. „Wie bei einer Flut ist alles im Fluss. Ständig ändern sich Normen oder Verordnungen“, so der Grazer Experte. Auch zur Preisentwicklung für Facility-Manager hat der steirische Oberstudienrat eine Meinung: „Bauherren und Firmen gehen mit den Gestehungs-Preisen in den Keller. Dafür explodieren dann die Wartungskosten.“
Der Paragraphen-Wahnsinn rund um Brandschutz hat für die Facility-Branche jedoch aber nicht nur Nachteile. Sicherheits- oder Brandschutzbeauftragte sind ohne tiefe Kenntnisse der verzwickten Materie schnell überfordert. Die Risiken sind hoch, die Ausbildung von Brandschutzbeauftragten teuer. Dass die Facility-Branche hier schon frühzeitig ein Outsourcing-Potenzial entdeckt hat, liegt auf der Hand. Die Zahl der Anbieter, die spezielle Dienstleistungspakete rund um Brandschutz im Portfolio haben, nimmt zu.
Als Pionier spezialisierte sich etwa die Wiener „FG Brandschutz und Facilitymanagement“ schon 2003 als Full-Service-Anbieter und ist vor allem bei Wohnbaugenossenschaften gut im Geschäft. „Oft läuft der Brandschutz mit. Als Spezialist konzentrieren wir uns hingegen voll auf diesen Milliarden-Markt“, sagt FG-Eigentümer Gerhard Fuhry. Dass nach einem anfänglichen Boom die Geschäfte derzeit vergleichsweise zäh laufen, führt er auf die Banken- und Wirtschaftskrise zurück. Gleichzeit ortet er dadurch auch Chancen. „Der Kostendruck nimmt zu. Damit wird das Outsourcing immer attraktiver“, sagt Fuhry. Natürlich mischen auch die Großen der Branche kräftig mit. Etwa die Strabag Property and Facility Services, die „Sorglos-Pakete“ rund um Brandschutz im Angebot hat. Im deutschsprachigen Raum betreut und serviciert die Facility-Tochter der Strabag rund 30.000 Immobilien in allen Brandschutzfragen. Das Dienstleistungsangebot umfasst von Bau über Technik für Brandmeldesysteme bis hin zur Organisation, Wartung und Schulung den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie.

Florierende Ökö-Systeme
Auch ISS Facility Services schult längst nicht mehr nur Brandschutzbeauftragte oder sorgt nur für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen. Bei Bedarf beaufsichtigt ISS etwa auch Heißarbeiten in Gefahrenbereichen und stellt dafür auch speziell ausgebildete Sicherungsposten. Selbst eine eigene „Betriebsfeuerwehr“ organisiert ISS im Bedarfsfall. Cofely wiederum plant und installiert nicht nur Brandmelde- oder Sprinkleranlagen, sondern überwacht und betreibt diese auch.
Speziell die Wartung dürfte für viele Unternehmen Stolperfallen bieten. Alleine die TRVB-Normen kennen ein paar Dutzend unterschiedliche Intervalle, zu denen Feuerlöscher, Sprinkler oder Brandschutzklappen penibel zu kontrollieren sind. Wer hier aus Unkenntnis schlampt steht im Brandfall nicht nur vor dem Konkurs, sondern mit einem Bein auch im Gefängnis. Rund um Brandschutz hat sich ein florierendes Öko-System entwickelt. Ein attraktives Geschäftsfeld scheint auch die Sanierung und Modernisierung von Altanlagen zu sein. Hier mischt etwa der Industrie-Riese Siemens mit der Tochter Building Services mit. Die Building Services bietet etwa die „sanfte“ Umrüstung von alten Brandschutzklappen auf moderne Technologien an – ohne dass der laufende Betrieb gestört wird.
„Brandschutzklappen“ ist freilich fast schon ein Understatement. Die neuen Systeme agieren als intelligente Einheiten, die via Netzwerk mit der Brandmeldezentrale verbunden sind. Dort werden dann im Katastrophenfall auch autonom Entscheidungen gefällt, welche Bereiche punktgenau abzuriegeln sind, um finanziellen Schäden zu minimieren.
Brandschutz-Management wird auch zum Geschäft für Audit-Anbieter und Zertifizierer. Erst im Dezember erhielt etwa das „Haus der Barmherzigkeit“als erster Gesundheitsbetrieb Österreichs ein TÜV-Zertifikat. In der Hotellerie breschte im März letzten Jahres das steirische Seminarhotel Retter vor. Wie in Wien wurde auch bei Retter die neue Zertifizierung gemeinsam von RiskExperts, dem Brandschutzexperten NORIS und TÜV Austria entwickelt. Laut RiskExperts-Berater Johannes Vogel liegen die Vorteile einer Zertifizierung auf der Hand. Man vermeide nicht nur zeitliche Verzögerungen oder finanzielle Einbußen. Die verbesserte Darstellung von Risikosituationen erleichtere auch das Gespräch mit Versicherungen bis hin zum Schutz in Haftpflichtfragen. [hvs]


Brandschäden und Gesetzesdschungel

Mehr als 50 Prozent der jährlich insgesamt rund 30.000 Brände ereignen sich im Privatbereich, gefolgt von Landwirtschaft und Gewerbe. Der Löwenanteil der Schadenssumme entfällt freilich auf die Industrie. Brandschäden verursachen dort im langjährigen Durchschnitt jährlich einen Schaden von rund 90 Millionen Euro. Für Facility-Unternehmen bietet das Outsourcing von Brandschutz-Management, Vorbeugung und Wartung ein lohnendes Geschäftsfeld. Wer alle Haftungs- und Risikoquellen überblicken will, sollte Experte sein – oder besser spezialisierte Dienstleister in Anspruch nehmen. Alleine die gesetzlichen Grundlagen sind ein kaum überblickbares Geflecht. Dutzende von EU-, Bundes- und Ländergesetzen werden von Verordnungen, Bescheiden, Normen und Regelwerken wie ÖNORMEN, TRVB oder ÖBVF-Richtlinien flankiert. Dazu kommen noch „spezielle“ Gesetze etwa für Kinos, Hotellerie oder Kindergärten sowie Kehrverordnungen und Ölfeuerungs- und Feuerwehrgesetze.